DSZV Laboratorium 2021–2022
PD Dr. Marita Liebermann, Direktorin

Brücken und Begegnungen - DSZV - Centro Tedesco di Studi Veneziani

Deutsches Studienzentrum in Venedig
Forschungslabor 2021-2022
PD Dr. Marita Liebermann, Direktorin


Brücken – (mit) Venedig kommunizieren

Der Legende nach sei Venedig am 25. März 421 gegründet worden. Wenn wir daher im Jahr 2021 das verstandesmäßig kaum fassbare 1.600-jährige Bestehen der Lagunenstadt feiern, stellt sich unwillkürlich die Frage nach ihrer – die Phantasie ebenso herausfordernden – Zukunft. Denn die Probleme, das als ‚Overtourism‘ bezeichnete Mobilitätsphänomen und die mit ihm eng zusammenhängenden Gefährdungen der sozialen, kulturellen und natürlichen städtischen Umwelt, sind existentiell. Einfache Lösungen gibt es nicht.

Und doch: Wenn es richtig ist, in Anlehnung an Ernst Bloch zu glauben, dass in der ‚Welt zu finden ist, was der Welt hilft‘, so vermag Venedig eine damit verbundene Lust auf die Zukunft einzugeben wie wohl kaum ein zweiter Ort des Planeten. Denn wie kaum ein anderer Ort führt die ins Wasser gebaute Stadt das menschliche Streben nach dem Möglichen vor Augen, den Willen und die Fähigkeit, das Vorhandene gleichzeitig zu bewahren und darüber hinauszugehen: Sie zeigt durch ihre bloße Existenz, wie Menschen an sich unabänderliche Realitäten – den Gegensatz von Land und Wasser – durch Bemühen um darin enthaltene Spielräume gestalten, ja überwinden und respektieren können. Ist die Vorstellungskraft hinsichtlich des Möglichen gemeinsam mit der Achtung vor dem Gegebenen gewissermaßen in die venezianische Topographie eingeschrieben, so kann als Emblem dieser Haltung die Brücke begriffen werden. Allgegenwärtig, halten Brücken in unzähligen verschiedenen Formen den städtischen Raum zusammen – indem sie Gegensätze oder Verschiedenheiten gleichermaßen überwinden wie erhalten.

Verbindungen und Vielfalt erschaffend, sind Brücken eine der eindrucksvollsten Manifestationen dessen, was der Welt derzeit unter bestimmten Bedingungen am unschädlichsten helfen könnte: Kommunikation.

Vieles deutet darauf hin, dass die globale Zukunft und mit ihr auch jene Venedigs – das, wie nicht zuletzt die pandemiebedingte Gesundheitskrise bestätigt, bei aller Singularität doch als paradigmatischer Ausschnitt der globalisierten Welt betrachtet werden kann – maßgeblich von der Kommunikationsfähigkeit der handelnden großen und kleinen Akteure in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens abhängen wird. Als entscheidend dürfte sich erweisen, ob die gegenwärtige Tendenz zur Einnahme polarisierender Standpunkte durch eine Zunahme gelingender Kommunikation durchbrochen werden kann. Das gilt insbesondere für den Diskurs über die ebenso problematischen wie vielschichtigen Zusammenhänge, die sich in den extremen und dringend neu zu reflektierenden Formen der globalisierten Mobilität – der Migration und dem Tourismus – niederschlagen.

Ausgehend von dieser Beobachtung, macht es sich das Deutsche Studienzentrum in Venedig auch im Rahmen des Forschungs- und Veranstaltungsthemas 2021–22 zur Aufgabe, durch interdisziplinäre, künstlerische und kulturwissenschaftliche Arbeit sowie interkulturelle Begegnungen zu einer Differenzierung der Stimmen über Venedig beizutragen. Durch unsere wissenschaftlichen Vorträge, künstlerischen Veranstaltungen, Tagungen, Gesprächsrunden, Exkursionen und Studientage möchten wir sowohl aus der Stadt als auch mit ihr sprechen, sowohl die Innen- als auch die Außensicht in die Diskussion einbringen. Zunutze machen wollen wir uns dabei den interdisziplinären Zuschnitt unserer Einrichtung – in der Überzeugung, dass die historischen und kultursemiotischen Perspektiven der am Institut studierten, erprobten und entwickelten Wissenschaften, u. a. der Geschichte und Kunstgeschichte, der Musik- und Literaturwissenschaft, ebenso wie die Zugänge der bei uns tätigen Kunstschaffenden im Bereich der Bildenden Künste, der Architektur, der Literatur, und der Musik, daran mitwirken können, das Bewusstsein für die gestaltende Kraft des Kommunizierens zu schaffen und zu stärken. Von Selbst- und Fremdbildern über Identitäten, deren Konstruktionen, Ausdrucksformen und Konflikte bis hin zur sozialen, kulturellen und wissenschaftlichen Interaktions- und Innovationsfähigkeit umfassen Kommunikationsakte eine Reihe der die Welt und Venedig derzeit bewegenden Fragen. Ebenfalls können das interkulturelle wie das interdisziplinäre Kommunizieren selbst einer Betrachtung unterzogen werden, um die eigenen Voraussetzungen zu konturieren und mit ihnen das methodische Bewusstsein zu schärfen. Gerade weil ‚man nicht nicht kommunizieren kann‘ (Paul Watzlawick), scheint es mehr denn je geboten, die Elemente fruchtbarer Kommunikation zu reflektieren, um ihre destruktiven Erscheinungsformen ebenso zu analysieren wie ihre brachliegenden Optionen zu entfalten. Die Beobachtung der venezianischen Brücken kann dabei in mannigfaltiger Weise helfen. Die Beobachtung der venezianischen Brücken kann dabei in mannigfaltiger Weise helfen.

1 Vgl. das Einleitungskapitel in Ernst Blochs philosophischem Hauptwerk: Das Prinzip Hoffnung, In fünf Teilen, Kapitel 1-32, in: Werkausgabe, Bd. 5, Frankfurt/Main 2019, S. 1-18.

So vermag Venedig Lust auf die Zukunft einzugeben wie wohl kaum ein zweiter Ort des Planeten.


Brücken der Wissenschaften,
Brücken der Künste

Die Brücke, ein Hauptmedium sowohl des innerstädtischen als auch des zwischen Venedig und dem Festland stattfindenden Austauschs, lässt sich unter wesentlichen Aspekten zugleich als ein Sinnbild der Kommunikation überhaupt begreifen. Dafür ist die bereits von Georg Simmel konstatierte Ambivalenz der Brücke ebenso wichtig wie ihre grundlegende Relationalität, aus der die Entstehung eines bedeutungsvollen neuen Raums, eines belebten ‚Dazwischen‘ resultiert. Zwar verbindet die Brücke die Ufer, erfüllt ihren Sinn aber nur darin, dass die Ufer auch getrennt bleiben; Verbinden und Trennen bedingen sich mithin gegenseitig und finden gleichzeitig statt. Mit der ambivalenten Komplementarität des Überbrückens hängt auch dessen relationaler Charakter zusammen. Denn es beruht weniger auf Standpunkten und Positionen als vielmehr auf räumlichen Beziehungen:

Die Ufer werden durch die Verbindung in ein Verhältnis zueinander gesetzt, die Anfangs- und Endpunkte der Brücke sind nur in Bezug zueinander als solche gegeben.

Ebenso ist das zwischen den Ufern Liegende erst als solches zu begreifen, wenn die beiden jenseits davon lokalisierten Punkte aufeinander bezogen werden. Schließlich fungiert die Brücke nicht nur als Weg über etwa einen Fluss, sondern stellt auch ein Bauwerk mit einem ‚Eigenleben‘ dar, kann zum Beispiel ein Aussichtspunkt oder ein Handelsplatz sein.

Für die Strukturelemente der Brücke bietet Venedig reichhaltiges Anschauungsmaterial – und in schier unendlichen Variationen finden sich zeichenhafte Übertragungen dieser Merkmale auch in der Kommunikation. Deren positiven und negativen Dynamiken können sich Wissenschaften und Künste mit je eigenen Instrumentarien und anhand der ganzen thematischen Bandbreite der Venedigforschung nähern.


Brücken der Wissenschaften

Die wissenschaftliche Reihe des Deutschen Studienzentrums in Venedig lädt verschiedene Arten des Denkens ein, sich zu begegnen: Forschungen, Fragen und Erkenntnisse, die traditionellen akademischen Disziplinen entstammen ebenso wie der interdisziplinären Theoriebildung, etwa den kulturwissenschaftlichen Ansätzen, den Postcolonial Studies oder den Gender Studies, sowie politischen und religiösen Reflexionsrichtungen. Unter den diversen zu behandelnden Gebieten sind neben den unterschiedlichen Semantiken des Wortes ,Brücke‘ – die durch Kontrast- und Äquivalenzverhältnisse und andere Bedeutungsnuancen mit den Semantiken und Funktionen der Kommunikation in Verbindung stehen – besonders die Beziehungen von metaphorischen und konkreten Brücken zu Formen der Mobilität hervorzuheben. Gerade die sich den kulturwissenschaftlichen und -semiotischen Fächern bietende Möglichkeit der historischen Perspektivierung des Migrierens und touristischen Reisens und die dazugehörige Verarbeitung dieser Phänomene in der Bildenden Kunst und Literatur, der Musik und Architektur Venedigs verspricht Erkenntnisse, die auch der Analyse aktueller Probleme zugutekommen. Umgekehrt lässt sich den drängenden Problemen der Gegenwart durch ihre Historisierung und wissenschaftliche Objektivierung mehr und anderes abgewinnen als die Tatsache ihrer Aktualität. Die Geschichte Venedigs und seiner ehemaligen Herrschaftsgebiete eröffnet ebenso wie der heutige Kultur- und Lebensraum der Stadt mit ihrem Umland längst noch nicht ausgeschöpfte Fragemöglichkeiten zu kulturellen Transfers und Dynamiken, zur Mobilität des Wissens, der Sitten und der Imaginarien sowie zu deren sozialen und politischen Funktionen im jeweiligen geschichtlichen Kontext. Venedig, eine (legendäre) Gründung von Geflüchteten, war im Laufe seiner 1.600-jährigen Geschichte immer wieder eine Zuflucht für Vertriebene, ein Begegnungsraum der Kulturen, ebenso wie es eine Wirtschaftsmacht, einen Ort des frühneuzeitlichen Kapitalismus darstellte. Es stand seit jeher in einer besonderen Kommunikationsbeziehung zur Welt – und tut es auch heute noch, wenngleich die unter ‚Welt‘ verstandene Größe sich in den Jahrhunderten anders als die äußerlich vergleichsweise konstante Lagunenstadt so umfassend wie drastisch gewandelt hat.


Brücken der Künste

Das Deutsche Studienzentrum in Venedig will zur Arbeit all jener beitragen, die sich dafür engagieren, dass Venedig weltoffen und eine echte Stadt bleibt, sich nicht in eine bloße Touristenattraktion verwandelt. Dafür beleben wir unseren Sitz im Palazzo Barbarigo della Terrazza mit Kommunikation über die verschiedenen urbanen Alltagswirklichkeiten in ihren Beziehungen zu globalen Phänomenen und Entwicklungen. Und deshalb wollen unsere Reihen nicht nur die kulturellen Diskurse reflektieren, die sich durch die Sprachen der Wissenschaften artikulieren, sondern versuchen zugleich, sich mit der Hilfe der Künste Dimensionen des Menschseins zu nähern, die häufig nicht mit der verbalen Kommunikation oder dem sogenannten rationalen Denken zu erreichen sind – und doch einen entscheidenden Teil unseres Lebens darstellen. In diesem Sinn sind die Künste immer Brückenbauerinnen, die uns mit uns selbst oder scheinbar fernen Welten verbinden. Daher lädt die künstlerische Reihe Kunstschaffende ein, die sich mit den verschiedenen Implikaten der Konzepte ‚Brücke‘ und ,Kommunikation‘ bzw. dem Themenkomplex der Mobilität befassen. Und daher fährt sie auch fort, die venezianischen Arbeiten und Projekte unserer Kunststipendiatinnen und Kunststipendiaten zu präsentieren. Wir wünschen uns, dass die Begegnungen mit den Sprachen der Malerei und Bildhauerei, der Architektur, der Musik und Fotografie, der Performance- und Videokunst wie der Literatur, Prosa und Dichtung, die Wahrnehmung und Reflexion Venedigs bereichern: mit Sprachen, die sich auf ihre ganz eigene Art mit der Schönheit und den Problemen des Ortes auseinandersetzen und dabei vermeintlich Selbstverständliches in Frage stellen. Gleichzeitig hoffen wir, dass auch die Künstlerinnen und Künstler neue Ufer erreichen können, wenn sie die Brücke zum Publikum der Stadt begehen.

2 Vgl. den berühmten Aufsatz „Brücke und Tor“ von 1909, in: Aufsätze und Abhandlungen 1909-1918, Bd. I, hg. von Rüdiger Kramme, Angela Rammstedt, in: Gesamtausgabe, hg. von Otthein Rammstedt, Bd. 12, Frankfurt/Main 2001, S. 55-61.